"Bildung stärkt Gemeinschaft"

Eine Engagierte erzählt aus ihrer Bildungsarbeit

Eine Engagierte im Porträt

Das Bildungszentrum Tauberbischofsheim lebt von ehrenamtlichem Engagement – wie dem von Hedwig Appel. Im Interview erzählt sie, was sie antreibt, welche Themen aktuell sind und wie sich kirchliche Bildungsarbeit verändert. 

 

Frau Appel, wieso engagieren Sie sich in der kirchlichen offenen Erwachsenenbildung?
 
Hedwig Appel: Für mich war immer wichtig, neue Menschen kennenzulernen, mich auszutauschen, weiterzubilden und Vorbilder zu haben. Eines meiner Vorbilder ist mein früherer Chef. Er war auf das Jesuiten-Kolleg Sankt Blasien gegangen, leitete eine Firma und war gleichzeitig theologisch und politisch sehr interessiert. Wir haben uns viel ausgetauscht und ich bewundere ihn sehr für sein Wissen und seine Haltung.
 
Umgekehrt freut es mich, wenn Menschen unsere Bildungsangebote als hilfreich empfinden, um miteinander in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen. Mir lag immer am Herzen, die Themen aufzugreifen, die in der Gesellschaft gerade aktuell sind – also solche, über die auch im privaten Umfeld viel gesprochen wird und bei denen die Menschen spüren, dass gerade etwas im Umbruch ist und dass sie Orientierung oder Unterstützung brauchen.
 
Können Sie Beispiele dafür nennen?
 
Hedwig Appel: 2015 war die große Fluchtbewegung. Das hat die Gesellschaft beschäftigt und wir haben zusammen mit den Theologieprofessoren Bernhard Uhde und Bernd Feininger Vorträge über den Islam organisiert. Oder die Initiative #OutInChurch, die Gleichberechtigung von queeren Menschen in der katholischen Kirche fördert – da haben wir Burkhard Hose eingeladen, einen der Initiatoren. Daneben gibt es aber auch ganz praktische Angebote, wie PEKIP-Kurse, bei denen junge Eltern mit ihren Babys von einer Referentin durch das erste Lebensjahr begleitet werden und sich austauschen können. Letztes Jahr hatten wir eine Reihe zu Demenz. Und unsere Bildungszentrumsleiterin Viola Kammerer bringt immer wieder den Impuls ein, dass Menschen wieder stärker kreativ sein wollen. Unsere Kurse zum Töpfern, Malen oder Herstellen von Kräuteressenzen werden gerade sehr gut angenommen.
 
PEKIP, Töpfern oder Vorträge zu Demenz – das könnte auch eine Volkshochschule anbieten. Was hat das mit Kirche zu tun?
 
Hedwig Appel: Das stimmt – auf den ersten Blick wirkt unser Angebot sehr  allgemein. Das ist auch eine bewusste Entscheidung, denn Kirche sollte da sein, wo die Menschen sind. Wenn wir uns an den Fragen orientieren, die Menschen vor Ort wirklich haben, sind wir sichtbar und können unseren Beitrag für die Gesellschaft leisten.
 
Bei Yoga, Pilates oder Tai-Chi zum Beispiel lernen Menschen etwas über ihren Körper und wie sie ihn gesund erhalten können – und gleichzeitig finden Sie Anschluss zu Menschen, denen es ähnlich geht wie ihnen, die ähnliche Fragen haben. Das hilft, ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Sie setzen sich mit eigenen Standpunkten auseinander, lernen andere Perspektiven kennen und werden argumentationsfähiger. Besonders deutlich wird das, wenn wir uns mit aktuellen gesellschaftlichen Umbrüchen auseinandersetzen. Aber auch eine junge Mutter in einem PEKIP-Kurs oder Still- und Flaschencafé kann vergleichen, wie sie selbst und andere mit ihren Babys umgehen, was eine Referentin dazu sagt – und dadurch Sicherheit gewinnen.
 
Was werden die nächsten großen Themen in der Bildungsarbeit sein?
 
Hedwig Appel: Demokratiebildung, auch wenn das etwas sperrig klingt. Unsere Gesellschaft ist im Umbruch, das Parteiensystem ist in Bewegung, und viele fragen sich: Wie kann ich mich einbringen? Was macht uns Menschen „demokratiefähig“? Gleichzeitig sehen wir, dass das Ehrenamt zurückgeht. 
 
Ist das im Bildungszentrum Tauberbischofsheim auch ein Thema: Wieder mehr oder neue Engagierte zu gewinnen?
 
Hedwig Appel: Ja, auf jeden Fall. Wir sind mit der Kirchenentwicklung mitten in einem Umbruch und gespannt darauf, wie die Ehrenamtlichen der neuen Großgemeinden reagieren. Viele unserer Ehrenamtlichen werden sich weiter engagieren werden. Wir rechnen aber auch mit einem Abbruch. Viele Ehrenamtliche, die ein örtliches Bildungswerk bei der jeweiligen Kirchengemeinde leiten, sind schon in höherem Alter. Da möchte man keine großen Verpflichtungen mehr eingehen. Spannenderweise hat sich in den Angeboten ein Wandel ergeben: Seniorennachmittage waren jahrelang der große Renner, sind jetzt aber stark zurückgegangen. Stattdessen wird mehr qualifizierte Bildung nachgefragt.
 
Die „Leitung eines Bildungswerks“ klingt nach einer großen Aufgabe. Könnte man es auch so formulieren: „Wenn euch ein Thema interessiert, unterstützen wir euch dabei, selbst Vorträge oder Kurse zu organisieren – ohne, dass ihr euch dauerhaft einbringen müsst und ohne die Befürchtung, nicht mehr ‚Nein‘ sagen zu können?
 
Hedwig Appel: Auf jeden Fall! Wir sagen das bei jeder Gelegenheit: „Wenn ihr Themen habt, die euch am Herzen liegen, kommt auf uns zu. Wir sind bereit, das zu organisieren. Und wenn ihr selbst Referenten kennt, dürft ihr das selbst gerne in die Wege leiten und wir unterstützen dabei.“ Das funktioniert auch. Wir haben einen Referenten-Katalog zusammengestellt, den wir immer wieder erweitern und an dem sich die örtlichen Bildungswerke orientieren können. Manchmal ergibt es sich, dass jemand selbst eine Referentin kennenlernt: So kam unlängst ein sehr interessanter Vortrag über die Zusammensetzung der Stoffe für unsere Kleidung und den Kreislauf der Produktion zustande. Andere örtliche Bildungswerke haben schon Interesse geäußert, diese Referentin ebenfalls zu sich zu holen. 
 
Menschen, die sich in der Bildungsarbeit engagieren, versuchen manchmal Lebensphasen abzubilden, die sie selbst durchlebt haben. War das bei Ihnen auch so?
 
Hedwig Appel: Ja, bei mir war es der theologische Kurs, den ich zwei Jahre besuchte. Da habe ich viele interessante Menschen kennengelernt, die ich später teilweise auch als Referenten einlud – zum Beispiel eine Künstlerin, die ein theologisches Thema nach meinen Vorgaben gemalt hat; ein Triptychon aus dem Buch Genesis. Es stellt die Symbolik eines gelingenden Lebens mit Gott und das Trauma eines fundamental gestörten Lebens dar. Mich hat im theologischen Kurs über Wochen und Monate der Gedanke fasziniert, dass die Erschaffung der Welt in sieben Tagen ein Mythos ist, der sich im Lauf der Jahrhunderte entwickelt hat und auf Vorstellungen der Griechen zurückgeht beziehungsweise auf frühgeschichtliche Darstellungen. 
 
Wie geht es weiter mit Ihrem Engagement?
 
Hedwig Appel: Seit über 15 Jahren sitze ich der Kreisarbeitsgemeinschaft vor, einer Vertretung der örtlichen Bildungswerke unserer Region – die wird es in dieser Form durch die Kirchenentwicklung 2030 bald nicht mehr geben. Meine Vorstandskollegin Brigitte Spänkuch und ich werden beide nicht mehr die volle Verantwortung tragen, aber Viola Kammerer mit neuen Ideen und bei der Organisation von Veranstaltungen weiter unterstützen. Ich freue mich, wenn ich meine Erfahrung einbringen kann!